Cornelia Kafka | Praxis des Lebens

Supervision | Fortbildung | Begleitung
Feministischer Blick und Pränatales Bonding

Der blinde Fleck der Profis

Unerkannte Gegenübertragung

Wenn die ganze Supervisions-Gruppe im Blindflug berät – und wie wir Gegenübertragung als Kompass nutzen

In Gruppen-Fallsupervisionen erlebe ich immer wieder eine paradoxe Situation: Ein:e Berater:in bringt einen Fall, und die Gruppe – inklusive erfahrener Supervisor:innen – beginnt zu „doktern“. „Hast du deinen Auftrag geklärt?“ „Wo ist deine professionelle Grenze?“ „Du musst hier Grenzen setzen!“ Doch was hier wirklich oft übersehen wird, ist der eigentliche Schlüssel zum Fall: die Gegenübertragung.
Das Problem? Gegenübertragung wird von Profis selbst nicht erkannt – obwohl sie der wertvollste Zugang zum Verständnis der Dynamik wäre. Statt sie als Diagnoseinstrument zu nutzen, das zeigt, was im Raum wirklich „schwingt“, wird sie als Störfaktor behandelt oder gar nicht erst wahrgenommen. Dabei steckt in ihr ein unerschlossener Schatz: Sie verrät nicht nur, was der/die Klient:in unbewusst kommuniziert, sondern auch, wo die ganze Gruppe emotional „mitgeht“ – oft ohne es zu merken.

Übertragung und Gegenübertragung: Was steckt dahinter?

Die Begriffe kommen aus der Psychoanalyse und beschreiben unbewusste Prozesse in Beratungsbeziehungen:
Übertragung: Der/Die Klient:in überträgt unbewusste Muster, Gefühle oder Konflikte aus früheren Beziehungen auf die Berater:in. Beispiel: Eine Klientin, die in ihrer Kindheit das Gefühl hatte, nie genug Unterstützung oder Halt zu bekommen, fordert von der Berater:in nun mit großer Dringlichkeit ‚unmögliche‘ Lösungen – nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil sie unbewusst die alte, schmerzhafte Dynamik wiederholt: Sie erwartet (und fürchtet zugleich), wieder im Stich gelassen zu werden. Ihre Forderung ist kein realistisches Anliegen, sondern ein Test – und gleichzeitig ein Hilferuf. Die Berater:in spürt vielleicht Druck, Wut oder das Gefühl versagen zu müssen – und steckt damit bereits mitten in der Gegenübertragung: Sie erlebt genau das, was die Klient:in selbst nicht aushält.
Gegenübertragung: Die emotionale Reaktion des/der Beraters:in auf diese Übertragung. Sie kann sich zeigen als:
Komplementär: Ich fühle mich wie die rettende Mutter
Konkordant: Ich erlebe denselben Druck wie der/die Klient:in

Wichtig: Gegenübertragung ist kein Fehler, sondern ein Spiegel – sie offenbart, was der/die Klient:in nicht direkt sagen kann.

Warum Gegenübertragung in Supervisionen zu oft unsichtbar bleibt

Fokus auf Technik statt auf Dynamik: Die Supervisionen konzentrieren sich auf Auftragsklärung, Methoden oder Abgrenzung – und übersehen, dass die emotionale Reaktion des/der Beraters:in der eigentliche Schlüssel zum Fall ist. Beispiel: Statt zu fragen „Was löst dieser Fall in dir aus?“ wird diskutiert: „Hast du deine Rolle klar definiert?“ (kann auch wichtig sein, ist aber oft nicht der Punkt)
Die Gruppe ist selbst in Gegenübertragung gefangen: Gegenübertragung erfasst nicht nur den/die Berater:in, sondern oft die ganze Supervisionsgruppe – unbewusst.
Typische Gruppendynamiken sind dann:
„Wir müssen die Berater:in retten!“ → Die Gruppe erlebt dieselbe Hilflosigkeit wie der/die Klient:in und der/die Berater:in und versucht, sie durch „Lösungen“ zu beseitigen.
„Die Klient:in ist das Problem!“ → Die Gruppe projiziert die unangenehmen Gefühle auf den/die Klienten:in, statt sie als Hinweis zu nutzen.
„Wir kommen nicht weiter!“ → Die Gruppe steckt in derselben Blockade wie Berater:in und Klient:in – weil die Gegenübertragung nicht benannt wird.
Supervisor:innen übergehen die eigene emotionale Ebene: Auch wir Supervisor:innen können in Gegenübertragung geraten – z. B. wenn sie selbst unter Druck stehen, „die perfekte Lösung“ liefern zu müssen. Dann wird die Supervision zur technischen Übung, statt zum Raum für Reflexion.

Praxisbeispiel

Martina bringt in der Fallsupervision den Fall einer überforderten Mutter, die „unmögliche“ Lösungen einfordert. Die Gruppe (inkl. Supervisorin) fokussiert sich auf Auftragsklärung und Grenzen – doch Martina wirkt verzweifelt und unzufrieden. Sie rechtfertigt sich, statt Lösungen zu finden.
Was wirklich passiert:
• Martinas Gegenübertragung: Sie erlebt den Druck ihrer Klientin – und gerät in dieselbe Enge und Ohnmacht.
• Die Gruppe reproduziert dies unbewusst: Die Fragen („Wo ist deine Grenze?“ ) sind genau das, was die Klientin sich selbst fragt – und nicht beantworten kann. Die Supervisorin drängt auf „Lösungen“ – weil sie selbst den Druck spürt, „etwas tun zu müssen“.
Der Durchbruch: Als jemand die Gegenübertragung benennt wird der Fall plötzlich verständlich und bearbeitbar.

Konstruktiver Umgang mit Gegenübetragung

Drei Schritte für Supervision und Beratung

  1. Wahrnehmen „Was löst dieser Fall in mir aus?“: Gefühle, Körperreaktionen, Gedanken wie Ich muss oder Das schaff ich nie
  2. Reflektieren (im Team oder in Supervision): „Geht es hier um mich – oder um etwas, das die Gruppe/Klient:in nicht sagen kann?“ Nutze die Gruppe als Resonanzraum: „Was spürt ihr, wenn ihr diesen Fall hört?“
  3. Zur Verfügung stellen: Formuliere deine Wahrnehmung als Hypothese – nicht als Wahrheit. Beispiel: „Ich merke, wie ich selbst das Gefühl bekomme, unter Zeitdruck zu stehen. Ist das etwas, das Sie auch erleben?“. Das entlastet den/die Klienten:in und macht die Dynamik bearbeitbar.

Fazit: Gegenübertragung als Kompass

Gegenübertragung ist kein Fehler, sondern ein Werkzeug und Geschenk der Tiefe. Sie zeigt, wo der/die Klient:in feststeckt, wo die Gruppe emotional mitgeht, und wo die eigentliche Arbeit beginnt.
Benennen wir sie, wird aus Blockade ein Durchbruch.

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