Cornelia Kafka | Praxis des Lebens

Supervision | Fortbildung | Begleitung
Feministischer Blick und Pränatales Bonding

Ein Befreiungsschlag als Privileg

Mythos Kündigung

Warum dieser Befreiungsschlag ein Privileg ist

„Wenn die Arbeitsbedingungen unerträglich werden, kann man ja letztlich immer kündigen.“ Dieser Satz fiel kürzlich in einer Runde von Supervisor:innen – und die Mehrheit nickte. Ich widersprach: Bullshit.

Nicht, weil ich Kündigungen prinzipiell ablehne. Sondern weil die „Freiheit zu gehen“ ein Privileg ist. Ein Privileg, das viele – vor allem Frauen – nicht haben.

Kündigen? Ein Luxus für Wenige

Die Realität sieht so aus: Wer kein Arbeitslosengeld bekommt, Schulden hat oder alleinverdienend ist, kann sich den Schritt oft nicht leisten. Altersdiskriminierung, ein schwieriger Arbeitsmarkt, prekäre Verträge uva machen einen raschen Wiedereinstieg oder gar „fliegenden Wechsel“ unsicher. Care-Verantwortung bindet auch wirtschaftlich. Wer trägt die finanzielle Last, wenn der Job wegfällt?

Besonders betroffen: Frauen. Nicht nur aber besonders Frauen im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich. Sie arbeiten häufig in besonders anstrengenden Jobs – emotional fordernd, unterbezahlt, mit hoher Verantwortung. Sie sind täglich in Verbindung mit Menschen. Das Gewissen und Verantwortungsgefühl von Frauen, jene Menschen, mit denen sie beruflich in Beziehung stehen, nicht zu „im Stich zu lassen“ ist enorm. Gleichzeitig tragen sie finanzielle Verantwortung für Kinder oder Angehörige, die von ihnen abhängig sind. Für sie ist „einfach kündigen“ keine Option. Stattdessen heißt es: Aushalten. Durchhalten. Sich aufreiben.

Systemversagen als „individuelles Problem“ getarnt

Hier wird ein strukturelles Problem zur persönlichen Schwäche umgedeutet: „Wenn du das nicht aushältst, passt du nicht hierher.“ „Dann musst du halt gehen.“ Die Botschaft: Du musst dich damit abfinden. Das System ist halt so.

Doch wer geht, wird ersetzt – und das System[1] bleibt unangetastet. Personen werden „verbraucht“, bis sie aufgeben. Die kritische feministische Forschung nennt das treffend: Normalization of Oppression[2] – Unterdrückung wird als „normal“ akzeptiert, weil „das System“ keine Alternativen zulässt.

Was Supervision leisten kann – und was nicht

Supervision kann kein strukturelles Versagen reparieren. Aber sie kann benennen, was sonst ungesagt bleibt: „Das, was Sie erleben, ist kein persönliches Versagen – es ist ein System, das Sie zwingt, sich damit abzufinden.“ Allein dieser Satz entlastet – weil er die Schuld dorthin zurückgibt, wo sie hingehört: zu Strukturen und überlasteten Systemen.

In der Supervision geht es darum, gemeinsam zu sortieren:

  • Ist irgendetwas individuell lösbar und wenn ja was genau? (z. B. Netzwerke nutzen, Allianzen schaffen, …)
  • Was ist strukturelles Unrecht, das keine individuelle Lösung hat? (z. B. Lohnungleichheit, Personalmangel, Arbeitsbedingungen, Druck, ..)
  • Wo liegt Handlungsmacht – und wo müssen wir kollektiv werden, weil das System Einzelne im Stich lässt?

Lehrsupervision: Wie ich das Thema in Ausbildungen vermittle

In den Lehrsupervisionen stelle ich Fragen, wie diese: „Wenn eine Klientin sagt ‚Ich kann nicht kündigen‘ – hören Sie dann nur das ‚Ich kann nicht‘ – oder auch ‚Das System lässt mich nicht‘?“

Zentral ist für mich: Supervisor:innen und Berater:innen sollen lernen,

  • nicht nur auf individueller Ebene mit den Klient:innen zu arbeiten,
  • sondern die strukturelle Ebene zu benennen, die Klient.innen in die Ohnmacht treibt,
  • Handlungsspielräume sichtbar zu machen: „Wo können Sie trotz des Systems etwas bewegen?“ – und: „Wo müssen wir das System selbst infrage stellen?“

Und ja:

Wer die Möglichkeit hat, schlechte Arbeitsbedingungen zu verlassen, sollte das tun. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das System die meisten zwingt, zu bleiben – und dass genau diese Dynamik patriarchale Strukturen nicht nur aufrechterhält, sondern ständig neu produziert.

Mehr dazu in meiner Fortbildung Feministische Grundbildung


[1] Mit „das System“ meine ich hier: Die strukturellen Rahmenbedingungen in Sozial- und Gesundheitsberufen – also z. B. unterfinanzierte Trägerschaften, fehlende Tarifbindung, gesellschaftliche Abwertung von Care-Arbeit, fehlende Mitbestimmungsrechte und geschlechtsspezifische Arbeitsverteilung, die Frauen besonders trifft. Es geht nicht um eine „anonyme Macht“, sondern um konkrete Entscheidungen von Politik, Arbeitgeber:innen und Gesellschaft, die diese Bedingungen schaffen und aufrechterhalten.

[2] Der Begriff stammt aus der intersektionalen feministischen Theorie (u.a. Patricia Hill Collins, „Black Feminist Thought“) und beschreibt, wie Unterdrückungsmechanismen – ob aufgrund von Geschlecht, Klasse, Race, Behinderung oder anderen Kategorien – als „normal“ oder „unvermeidbar“ markiert werden. In diesem Artikel nehme ich Bezug auf geschlechtsspezifischer Ausbeutung in Care-Berufen, doch ist mir bewusst, dass diese Dynamiken auch andere Dimensionen von Diskriminierung durchziehen. Als weiße cis Frau schreibe ich hier primär aus meiner Perspektive – und erkenne an, dass rassistische, klassistische oder ableistische Unterdrückung oft noch unsichtbarer und brutaler normalisiert werden.

Frauen mit verschiedenem Alter, Haarfarben und Herkunft