Beobachtung aus der Praxis: Anna, eine erfahrene Kindergartenpädagogin, kommt in die Supervision und sagt: „Ich verstehe diese Mutter einfach nicht. Sie ist so fordernd, so ungeduldig. Und ich? Ich fühle mich schuldig, wenn ich nicht sofort reagiere.“ In den meisten Beratungen und Supervisionen würde es nun in diese Richtung gehen: „Hast du deine Grenzen klar kommuniziert?“, „Was ist dein professioneller Auftrag?“ Doch etwas stimmt daran einfach nicht. Denn Annas Problem ist nicht ihre Grenze. Es ist, dass sie die Dynamik der Mutter unbewusst mitträgt. Die Mutter, die unter Druck steht, „alles allein schaffen zu müssen“, projiziert dieses Gefühl auf Anna – und Anna übernimmt es, ohne es zu merken. Die eigentliche Frage wird nicht gestellt: „Was sagt uns dieses Gefühl über die Mutter – und über das System, in dem sie lebt?“
Der blinde Fleck
Wir sehen nur die aktuelle Situation und konzentrieren uns auf Annas Reaktion: „Wie kannst du dich besser abgrenzen?“ Doch die eigentliche Frage wäre: „Was lässt diese Mutter so verzweifelt nach Hilfe suchen – und warum fühlt Anna sich verantwortlich, sie zu ‚retten‘?“
Die Mutter handelt nicht „unlogisch“ – sie wiederholt unbewusst, was sie selbst erlebt hat: „Ich muss alles allein schaffen, sonst bin ich nichts wert.“ Anna reagiert nicht „überempfindlich“ – sie spürt genau das, was die Mutter nicht ausspricht: „Ich bin überfordert, aber ich darf es nicht zeigen.“
Strukturelle Faktoren werden ignoriert
Care-Arbeit wird unterbewertet: Mütter (und Pädagoginnen) stehen unter dem Druck, „perfekt zu funktionieren“ – ohne Ressourcen. Feministische Perspektive: Warum fühlt Anna sich verantwortlich? Weil Frauen seit Jahrhunderten dafür sozialisiert werden, „für andere da zu sein“ – oft auf Kosten der eigenen Grenzen. Was hilft ist ein Perspektivwechsel und (in der Supervision) die richtige Frage stellen:
Nicht: „Wie kann Anna sich besser abgrenzen?“ Sondern: „Was sagt uns Annas Gefühl über die Mutter – und über das System, das beide unter Druck setzt?“
Die Mutter handelt nicht „schwierig“ – sie kommuniziert unbewusst: „Ich brauche Halt, aber ich traue mich nicht, ihn einzufordern.“ Anna reagiert nicht „überfürsorglich“ – sie spürt genau das, was die Mutter nicht sagen kann. Die Lösung liegt nicht in mehr Abgrenzung, sondern in bewusster Wahrnehmung: „Was braucht diese Mutter wirklich – und was triggert in mir ihre Not?“
Weniger Lösung, mehr Kontext
Statt zu fragen: „Wie kannst du dich abgrenzen?“ → „Was sagt uns dein Gefühl über das System, in dem diese Mutter lebt?“
Statt zu urteilen: „Sie ist zu fordernd“ → „Was lässt sie so verzweifelt nach Hilfe suchen?“
Wahrnehmung vor Intervention
Erst spüren, was die Situation in einem auslöst. Dann handeln – aber nicht aus Druck, sondern aus Klarheit.
Strukturelle Faktoren benennen. „Diese Mutter ist nicht ’schwierig‘ – sie ist überlastet, weil das System sie alleinlässt.“ „Anna fühlt sich verantwortlich, weil Care-Arbeit seit jeher unsichtbar gemacht wird.“
Wer nur das Sichtbare bearbeitet, arbeitet an Symptomen. Wer Zusammenhänge versteht, verändert Dynamiken.
Mehr dazu u.a. in meinen Supervisionen und in der Fortbildung „Feministische Grundbildung“, wo wir uns mit den strkuturellen zusammenhängen.

